© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  48/10 26. November 2010

Von der Vision zur Wirklichkeit
Der Ausbau der Bibliothek des Konservatismus schreitet zügig voran / Eröffnung 2011
Ulrike Wogenstein

Ein kühnes Projekt steht kurz vor der Realisierung. Auf einer Fläche von 300 Quadratmetern entsteht in der Berliner Fasanenstraße eine in Deutschland einzigartige konservative Forschungs- und Begegnungsstätte.

Vor gut 70 Förderern und Interessierten skizzierten Bibliotheksleiter Wolfgang Fenske und der Stiftungsratsvorsitzende Dieter Stein auf der zweiten Bibliothekstagung der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) am vergangenen Wochenende in Berlin die Erfolgsgeschichte einer Vision, die mit dem Stiftungsgründer Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing Jahre zuvor begann.

Über den Doyen des deutschen Nachkriegskonservatismus sprach der Hauptredner der Tagung, Karlheinz Weißmann. Der Historiker würdigte Schrenck-Notzing als solitäre Erscheinung „zwischen den verschiedenen Blöcken der intellektuellen Rechten“. Schrenck-Notzings 1970 gegründete und 2005 untergegangene legendäre Zeitschrift Criticón wirkte „nicht nur als Organ einer geistigen Opposition, sie diente auch einer ganzen Generation junger Konservativer als Alternativhochschule“.

Rückblende: Im Jahre 2008 waren zunächst 20.000 Bände aus Schrenck-Notzings Privatbibliothek von München nach Berlin gebracht und in den vorläufigen Räumen der Stiftung sorgfältig aufgestellt worden. Seither sind die akademisch ausgebildeten, bibliothekarisch geschulten und mittlerweile fest angestellten Mitarbeiter der Stiftung, Patrick Neuhaus und Marc Haessig, mit der Sichtung, Erfassung und Neuordnung der Bestände beschäftigt. Rund 11.000 Titel konnten sie bisher vorsortieren, katalogisieren und elektronisch erfassen, bevor sie sie wieder in Kisten verpackten und für den anstehenden und vorerst letzten Umzug beiseite stellten – eine immense Leistung. Doch viel mühsame Arbeit steht noch bevor, denn seit die Lagerkapazitäten in den Räumen am Hohenzollerndamm erschöpft sind, lagern noch Zehntausende Bände in vor Licht und Nässe schützenden Containern und warten auf ihre Erfassung.

Einmaliger Bestand an Büchern und Zeitschriften

Mittlerweile sind die komplette Privatbibliothek des 2008 verstorbenen konservativen Sozialphilosophen Günter Rohrmoser und mehrere tausend Titel aus großzügigen Bücherspenden hinzugekommen. Auf 40.000 Titel schätzt Wolfgang Fenske den Bestand der Bibliothek, die auch in Zukunft konsequent ausgebaut und durch Neubeschaffungen wie Zustiftungen erweitert werden soll.

Den Kern der Sammlung bildet ein in Deutschland einmaliger Bestand an Büchern, Flug- und Zeitschriften zum Thema Konservatismus. Ferner finden sich Raritäten wie Plakate und Zeitungen der Revolutionsjahre von 1848, zahlreiche Publikationen zu Vereinen und Gruppen der konservativen Rechten aus den 1920er Jahren, Karikaturen und ein Fotoarchiv mit politischen Flugblättern seit 1848. Aber auch der Konservatismus der Nachkriegszeit wird mit einer Fülle von Werken deutscher wie österreichischer Autoren abgedeckt. Sammlungsbestände zur politischen Ideengeschichte, zu Staat und Philosophie, zu konservativen Denkern und Bewegungen in Frankreich, England, Italien und den USA sind ebenso enthalten wie Raritäten aus der Kriegs- und Besatzungszeit, die alliierten Umerziehungskonzepte für Deutschland belegen und die in anderen europäischen Bibliotheken so nicht vorliegen.

Ort der Begegnung und des Austauschs

Erklärtes Ziel der Förderstiftung ist es, diese Spezialbibliothek der ganz besonderen Art zu bewahren und auszubauen, um Studenten, Wissenschaftlern und Journalisten nicht nur die Möglichkeit zu intensiver Forschung, sondern auch zu Begegnung und Austausch zu geben. Gelänge es, die Nutzer so gut zu vernetzen, daß die Bibliothek des Konservatismus Entstehungs- und Ausgangsort gesellschaftspolitischer Debatten und Projekte würde, wäre ein hohes Ziel erreicht.

Darüber hinaus gibt es Überlegungen, neue politische Sammlungsschwerpunkte zu setzen. So ist der Aufbau eines Antifa-Archivs und Dokumentationsbestands zum Thema Linksextremismus geplant – auch das wäre ein Novum in der deutschen Bibliothekslandschaft.

Zunächst jedoch mußten ganz andere Hürden genommen werden. Mit Stolz berichtete Bibliotheksleiter Wolfgang Fenske von dem amtlichen Sigel, das die Bibliothek jetzt führt, und von der Aufnahme in den Gemeinsamen Bibliotheksverbund (GBV). Die 11.000 erfaßten Bände sind damit bereits im Internet recherchierbar.

Ein gutes halbes Jahr noch, schätzt Fenske, dann kann die Bibliothek ihren Bestand zugänglich machen. Geeignete Räume fanden die Stiftungsmitarbeiter in der zentral gelegenen Berliner Fasanenstraße nahe der Technischen Universität. Inzwischen sind sie frisch renoviert und bezugsfertig. In den nächsten Tagen sollen die ersten der 120 Regale aufgestellt und noch vor Weihnachten eingeräumt werden. Läuft alles weiter so gut nach Plan, kann die Bibliothek des Konservatismus schon im nächsten Sommer offiziell eröffnet werden. Man beschränke sich aber auf den Status als Präsenzbibliothek, eine private Ausleihe sei ausgeschlossen.

Von der Vision zur Wirklichkeit in nur drei Jahren – die erschienenen Förderer dieser Idee waren begeistert von dem bislang vorgelegten Tempo.

 

FKBF

Die gemeinnützige Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) wurde im Jahr 2000 von Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing in München gegründet. Seine Zeitschrift Criticón galt lange Zeit als Kristallisationspunkt der konservativen Intelligenz in Deutschland. 2007 wurde JF-Chefredakteur Dieter Stein zum neuen Vorsitzenden des Stiftungsrates gewählt. Die Stiftung vergibt den internationalen Baltasar-Gracián-Kulturpreis und den Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten.

Ein Informationsheft zur Bibliothek kann angefordert werden über: Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung, Postfach 31 05 08, 10635 Berlin, buero-berlin@fkbf.de Spenden (bitte Namen und Anschrift angeben): Kto. 0010006245, BLZ 370 302 00, Bankhaus Sal. Oppenheim www.fkbf.de

Fotos: Bibliothekstagung der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung in Berlin: Dem Erbe ihres Gründers Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing verpflichtet, Karlheinz Weißmann: Gegenaufklärung ist wichtig, Wolfgang Fenske: Der Besitz von Büchern kostet Geld, Planungsstand der FKBF-Bibliothek: 300 Quadratmeter, 120 Regale für bis zu 40.000 Bücher, 8 Lesearbeitsplätze, Raum für Tagungen, Dieter Stein: Den Förderern der Bibliothek dankbar, Tagungsteilnehmer im Gespräch: Eine Spezialbibliothek zum Konservatismus und der politischen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution 1789 mit zahlreichen bibliophilen Raritäten, Besichtigung der neuen Räume: Bibliotheksmitarbeiter Patrick Neuhaus (r.) erläutert das Konzept und beantwortet Fragen

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