© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  22/11 27. Mai 2011

Die Hütte am Toten Mann
Wo das berühmte Foto von der legendären ersten Redaktionssitzung der JF 1987 entstand
Hans-Peter Rissmann

Es ist Samstag, der 11. Juli 1987, später Vormittag. Die Sonne scheint. Fünf junge Männer im Alter zwischen 20 und 30 treffen sich auf dem Parkplatz der Stollenbacher Hütte. Einer ist mit seinem Golf-Cabrio gekommen, die anderen in einem alten Fiat. Man gelangt zu diesem Hof von Kirchzarten über Oberried durch das Zastlertal über eine enge, serpentinenreiche Straße hinauf auf 1.100 Meter über Meereshöhe. Im Winter läuft hier bei guter Schneelage ein vielbesuchter Skilift. Jetzt, im Sommer, finden nur wenige hierher,  um eine Wanderung zur Zastler Hütte oder dem Feldberg zu starten. Es ist still hier oben. Es riecht nach Fichten und trockenem Gras. Nur gelegentlich ist das Glockenläuten weidender Kühe zu vernehmen.

Wenn man vom Parkplatz der Stollenbacher Hütte noch einmal 500 Meter an einem Waldrand entlang in südwestlicher Richtung über einen Bergkamm wandert, stößt man am Fuße des „Toten Mannes“ unmittelbar in einem Fichtenbestand auf ein an den Hang geschmiegtes einsames Schwarzwaldhaus.

Um 1900 haben von lebensreformerischen Ideen beseelte Studenten das Haus gebaut – mit für Schwarzwaldhäuser typischem Walmdach, das wie die Außenwände mit Holzschindeln gedeckt ist. Es besitzt in drei Schlafräumen („Sälen“) in einfachen Doppelstockbetten Raum für 20 Personen.

Zentrum ist ein großer Kachelofen, der von einer kleinen Küche mit in einem Schopf gelagertem Holz befeuert wird. Die Hütte verfügt weder über Strom- noch über Telefonanschluß. Das Wasser kommt aus einer eigenen Quelle. Der nächste Ort ist rund zehn Kilometer weit entfernt. Diese Hütte ist das Ziel der fünf jungen Männer, sie wollen dort ein Wochenende gemeinsam verbringen. Es sind die Brüder Bernhard und Karl Lukau aus Freiburg, der Student Günter Braun aus Würzburg, der Kaufmann Götz Meidinger aus Ulm und der Schüler Dieter Stein aus Kirchzarten. Sie haben sich zwei Jahre zuvor über ein parteipolitisches Engagement bei der „Freiheitlichen Volkspartei“ (FVP), einer liberal-konservativen Absplitterung der 1983 von CSU-Dissidenten gegründeten „Republikaner“, kennengelernt.

Die Freunde hatten sich erst wenige Monate zuvor das Scheitern ihrer parteipolitischen Bemühungen eingestanden (die FVP war bei den bayerischen Landtagswahlen im Oktober 1986 mit 0,4 Prozent gescheitert) und hatten ihren Austritt erklärt. Übriggeblieben war eine genau ein Jahr zuvor ins Leben gerufene Zeitschrift: Die JUNGE FREIHEIT, die ausweislich ihres Namens eigentlich das Organ der Parteijugendorgansiation sein sollte. Auf der Hütte traf sich die Ur-Redaktion erstmals komplett, um über den Fortgang des Zeitschriftenprojektes zu sprechen. Es ging um die Frage, ob aus regelmäßig acht bis zwölf Seiten im Format DIN A5 ab Januar 1988 mehr werden sollte. Sollte man das Format A4 wagen? Mehr Seiten drucken? Und die Ausrichtung: Eher rechtskonservativ oder nationalrevolutionär? Im Impressum stand jugendbewegt das Motto: „Die JUNGE FREIHEIT unterstützt den Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit Gesamtdeutschlands, ökologische und soziale Verantwortung und demokratische Freiheit.“

Um den Holztisch sitzen die JF-Redakteure der ersten Stunde auf einer Eckbank, gebeugt über Manuskripte für die nächste Ausgabe. Es herrscht eine heitere Stimmung, durch das von rot-weiß-karierten Vorhängen gesäumte Fenster strahlt die Sonne, an der Wand hängt nicht das große Bild einer Sonnenblume, sondern der im Schwarzwald unter Naturschutz stehenden Silberdistel. Im Gegensatz zur monokulturell massenhaft angebauten Sonnenblume, die zum Symbol jener Partei wurde, die in Baden-Württemberg seit neuestem den Ministerpräsidenten stellt, scheint die Blüte der zu den gefährdeten Arten zählenden Silberdistel sich als Symbol zu empfehlen für die um Einfluß und Überleben kämpfenden Konservativen.

Auf dem Tisch stehen eine Porzellanteekanne mit beschädigtem Deckel, ein Stapel Teller für die wenig später vor dem Haus gegrillten Würste und eine Stabtaschenlampe, um sich nach der Dämmerung zurechtzufinden, falls die Gaslampen versagen, mit deren gelblich-weißem Licht die Hütte zu später Stunde erleuchtet wird.

Resümierend erschien in der September-Ausgabe der JF 1987 folgende Notiz: „Sommertreffen der JUNGEN FREIHEIT: Auf der Hütte im Hochschwarzwald fand sich im Juli die aufgrund der bundesweiten Verstreuung an persönlichem Kontakt leidende JF-Redaktion zusammen. Neben dem unvermeidlichen ‘geselligen Beisammensein’ wurde harte redaktionelle Arbeit geleistet. So wurde z.B. für 1988 eine Abonnementpreis- und Seitenerhöhung beschlossen.“

1996, neun Jahre später, sollten sich noch einmal JF-Redakteure zu einem Treffen auf der einsamen Schwarzwaldhütte einfinden: Sie haben den weiten Weg von Berlin hinter sich, wo die JF seit 1994 als Wochenzeitung erscheint. Neben Dieter Stein mit dabei: Martin Schmidt, Michael Wiesberg, Wolfgang Fenske, Götz Kubitschek, Angelika Willig, Patrick Neuhaus. Der Geist der konservativen Lebensreform, des Freiheitswillens der Gründerzeit weht noch immer am Fuße des Toten Mannes und beseelt die JUNGE FREIHEIT bis heute, auch wenn sie im 26. Jahr ihres Erscheinens 640 Kilometer Luftlinie nordöstlich entfernt professionalisierter und abgeklärter in der seit 21 Jahren wiedervereinigten Hauptstadt erscheint.

 

Der Schwarzwald als Wiege der JF

Anfänge der JF-Geschichte

Die meisten Leser verbinden mit der JF den Erscheinungsort Berlin. Wiege der Zeitung ist jedoch das Dreisamtal im Schwarzwald bei Freiburg im Breisgau. Von 1986 bis 1992 nutzte Dieter Stein sein ehemaliges Kinderzimmer im Elternhaus in Burg am Wald als Büro. 1992 wurde ein Büroraum in der Günterstalstraße 20 in Freiburg angemietet und im Juli 1993 erfolgte schließlich der Umzug der Zeitung nach Berlin bzw. vorübergehend (1993 bis 1995) nach Potsdam.

Freiburg-Kappel: In einem Gartenhaus wurde beim Grillen im Frühjahr 1986 die Gründung der JF beschlossen.

Burg am Wald: Hier stand das Elternhaus von Dieter Stein. Im ehemaligen Kinderzimmer war von 1986 bis 1992 das JF-„Büro“.

Kirchzarten: Sitz der 1990 gegründeten GmbH. 1986 bis 1987 wurden hier auch die ersten Ausgaben der JF gedruckt.

Stegen: Hier existierte von 1986 bis 1992 das erste Postfach der JF. Grund: In Kirchzarten war kein Postfach mehr zu haben.

Schwarzwaldhütte Treffpunkt für legendäre Redaktionstreffen 1987 und 1996. werden

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