© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Freiheit für Billy Six
Knastweihnacht in Caracas
Dieter Stein

Heiligabend 1986: In der Berliner Charité erblickt ein Junge das Licht der Welt. Billy Six. Er ist noch nicht einmal drei Jahre alt, da fällt die Berliner Mauer. Im kommenden Jahr feiern wir den dreißigsten Jahrestag des Triumphes der Freiheit über die Diktatur. Wie viele Ostdeutsche packte auch die Eltern von Billy Six das Reisefieber. Sie wollten nicht nur den anderen Teil Deutschlands, sondern die ganze Welt kennenlernen. Das Fernweh, die Abenteuerlust erbte ihr Sohn. Billy Six ist der wohl verwegenste Reporter, den die JUNGE FREIHEIT je hatte.

Seit dem 17. November wird Six im berüchtigten Geheimdienstgefängnis El Helicoide in der venezolanischen Hauptstadt Caracas festgehalten. Er hat noch immer keinen Kontakt zu einem Anwalt. Nur zwei Kassiber gelangten nach draußen. Danach befindet sich Six, der zum Zeitpunkt der Inhaftierung am Denguefieber erkrankt war und dem seine Medikamente verweigert wurden, seit einer Woche im Hungerstreik. Die Eltern bangen um ihren Sohn.

Inzwischen haben sich wenige Abgeordnete (von CDU und AfD) solidarisch mit dem gefangenen Journalisten erklärt, fordern den deutschen Außenminister Heiko Maas auf, sich für die sofortige Freilassung von Six einzusetzen. Auch die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) appelliert an Venezuela, Billy Six freizulassen. Die Presseerklärung des Vereins, der die Gründe für die Verhaftung zu Recht „hanebüchen“ nennt, enthält überflüssige distanzierende Formulierungen. Six schreibe für die „rechtskonservative“ JF und habe „mit problematischen Äußerungen und Aktionen“ auf sich aufmerksam gemacht.

Würde man solche Anmerkungen von „Reporter ohne Grenzen“ bei einem inhaftierten linken Journalisten lesen? Wohl kaum. Als der linksradikale deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in der Türkei verhaftet wurde, gab es sofort eine Welle von Solidaritätsappellen. Auch in dieser Zeitung – trotz der skandalösen Texte, die Yücel in der taz geschrieben hatte. Bei Billy Six herrscht bei den allermeisten Medien indes betretenes oder desinteressiertes Schweigen. Ein selektives Verständnis von Pressefreiheit.

Billy Six, dessen großes Vorbild die Reporter-Legende Peter Scholl-Latour ist, reiste für seine Reportagen furchtlos in umkämpfte Kriegsgebiete. Ob Libyen, Ostukraine und die Krim oder Syrien. In Syrien geriet er schon einmal – ebenfalls kurz vor Weihnachten – für drei Monate in Haft. Dieses Erlebnis hätte eigentlich für ein Leben gereicht. Doch Six stürzte sich bald nach seiner Freilassung wieder in die nächste Recherche.

Heiligabend 2018: Im düsteren Gefängnis El Helicoide sitzt Billy Six in einer einsamen Zelle. 8.400 Kilometer fern der Heimat. Wir vergessen ihn nicht. Freiheit für Billy Six!