© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

„Gottes Liebe weitergeben“
Die Medien nennen sie „eine humanitäre Großmacht“ oder „die moderne Mutter Teresa“. Wer ist die unscheinbare Frau in Schwarz, die still und leise ein Imperium der guten Taten begründet hat?
Moritz Schwarz

Schwester Hatune, der „Spiegel“ schreibt über Sie: „Sieht man Hatune Dogan mit ihrer Plastiktüte, ahnt man nicht, daß sie eine humanitäre Großmacht ist.“

Hatune Dogan: Das ist schön zu lesen, doch Lob bedeutet mir gar nichts. Über was ich mich freue – einfach als Mensch – ist Dankbarkeit. Mehr bedarf es nicht.

Haben Sie deshalb auch das Bundesverdienstkreuz abgelehnt?

Dogan: Ja, obwohl ich es dann doch angenommen habe. Ein Vertreter des Bundespräsidialamtes erklärte mir, ich sei nun ausgewählt und es sei nicht schön, den Bundespräsidenten abzuweisen. Nun gut. Aber ich helfe nicht um Auszeichnungen, sondern um des Evangeliums, Matthäus 25, Vers 40 willen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ 

Ihre Stiftung „Helfende Hände für die Armen“ hat über 5.000 ehrenamtliche Helfer in 37 Ländern. Wie wurde aus einer einfachen Ordensschwester eine „Großmacht“? 

Dogan: Helfen war für mich immer selbstverständlich, denn mein Vater war Großbauer und wir eine reiche Familie in unserer Gegend. Meine Eltern waren barmherzige Menschen, denn wir, die Aramäer Südostanatoliens, wurden 62 n. Chr. vom Judentum zum Christentum bekehrt. Schon als Kind schickten sie mich, Armen Essen zu bringen.

So zwangsläufig wie Sie andeuten, führt Christentum allerdings leider nicht immer zu Mitmenschlichkeit.

Dogan: In meiner Heimat sind die Christen tief gläubig. Mein Vater betete jeden Tag siebenmal. Das Christentum bei uns war nicht so materialistisch wie vielfach hier in Europa. Meine Eltern erzogen uns dazu, Gottes Liebe weiterzugeben.

Schlagzeilen haben Sie zuletzt damit gemacht, die Flüchtlingspolitik zu kritisieren, obwohl Sie selbst Flüchtling waren. 

Dogan: Ich kritisiere die falsche Flüchtlingspolitik. Mein Fall begann damit, daß sich sechs Männer in einem  unserer Weinberge zu schaffen machten. Bei uns bedeutete Mundraub zu gewähren Segen: wer hungrig ist, den läßt man essen. Doch diese Männer kamen mit Körben und Traktor, waren bewaffnet und wollten im Mondschein alles leerpflücken. Sie kamen aus dem moslemischen Nachbardorf, dort glaubte man, was uns Christen gehöre, könne man sich nehmen – ob Ernte, Besitz oder Frauen. Das besagte ihre Tradition, weshalb sie kein schlechtes Gewissen hatten. So hatten wir Wachen aufgestellt, da sonst die Ernte gestohlen wurde, so wie man es in dieser Nacht versuchte. Die Diebe flohen, als mein Vater die Polizei holte. Die stellte die Körbe mit den Trauben sicher. Als mein Vater Tage später auf die Wache kam, sah er die Körbe in den Zellen – die Polizisten hatten statt der Täter die Trauben bestraft! Er sagte: „Hättet ihr sie lieber gegessen, nun sind sie verdorben – und statt dessen die Täter eingesperrt.“ Darauf die Polizisten: „Halt die Klappe! Wegen dir sollen wir unsere Brüder einsperren? Du bist es, den wir da reinstecken sollten, du Ketzer!“ Unterdessen wurden die Diebe von den Leuten im Dorf verhöhnt, offenbar seien sie schwach wie Frauen! Nun gaben sie meinem Vater die Schuld und schworen öffentlich auf den Koran, ihn zu töten und in Stücke klein wie ein Ohrläppchen zu zerhacken. Wir mußten flüchten und mieteten einen kleinen Bus, was uns wohl das Leben rettete: Die Diebe sollen, wurde uns berichtet, den Überlandbus, in dem sie uns vermuteten, gestoppt haben, um uns herauszuholen.   

Was wurde aus den Christen Ihrer Gegend?

Dogan: Die meisten flohen nach und nach, die letzten 1991. Da waren wir längst in Paderborn, wo Verwandte – Gastarbeiter – uns aufgenommen hatten.

Sie flohen 1985 – damals aber war die Türkei doch noch kemalistisch. 

Dogan: Kemalismus gab es in den Metropolen, unsere Gegend hat er nie wirklich erreicht. Wir lebten dort übrigens nicht unter Türken, sondern unter Kurden. Doch entscheidend ist, daß sie Moslems waren und wir Christen. 

Aber beide waren doch Nachbarn.

Dogan: Ja, doch wir Christen wurden immer unterdrückt. Das was heute die Türkei ist, ja sogar der ganze Orient, war vor der Eroberung durch die Araber christlich. Vier Prozent waren Juden und Jesiden, 96 Prozent Christen – heute sind es noch zwei Prozent. Glauben Sie, die sind alle freiwillig Moslems geworden? 

So wird das in vielen Medien erklärt, weil nämlich der neue Glaube Vorteile brachte. 

Dogan: Weil man als Christ massiv diskriminiert wurde! Christen mußten Erkennungszeichen tragen und Kopfsteuer zahlen, durften keine Pferde reiten, keine Kirchen bauen und die alten nicht restaurieren. Während die Moslems überall Kirchen zerstörten, inklusive der Glockentürme, damit kein Moslem deren Geläut hören mußte. So ging das zweihundert Jahre. Und selbst in der modernen Türkei, zu meiner Zeit, bedeckten die christlichen Mädchen unseres aramäischen Dorfes zur Sicherheit ihr Gesicht, wenn sie es verließen. Denn traf man einen Moslem, der sich bei unserem Anblick in uns verliebte, konnte die Betreffende nicht die Tochter ihres Vaters bleiben – sie wurde entführt oder vergewaltigt und wer sich weigerte ermordet. Wir waren ja nur Christen! Viermal versuchten Moslems sogar mich zu vergewaltigen, obwohl ich noch ein Kind war! Haben die Medien in Deutschland damals über so etwas berichtet? In den Medien wird immer gesagt, im Islam herrsche Religionsfreiheit. Fragen Sie mal die Christen des Orients, ob stimmt, was viele unserer Medien hier erzählen.  

Die „taz“ nennt Sie „eine christlich-orthodoxe Fundamentalistin, (...) die einen Kulturkampf zwischen Islam und Christentum in den grellsten Farben malt“ .

Dogan: Das ist Unsinn und kommt daher, daß viele Europäer einfach nicht begreifen, daß die islamische Mentalität wie die eines Hundes ist. 

Das klingt allerdings extrem beleidigend. 

Dogan: So meine ich es nicht, sondern ich will damit etwas verdeutlichen, denn mit der Mentalität des Hundes sind Deutsche eher vertraut: Sie wissen, daß wenn sie sich von einem Hund nichts gefallen lassen, er sie respektiert. Zeigen sie sich dagegen ihm gegenüber nachgiebig, wird er sie eines Tages sogar beißen. 

Was bedeutet das angesichts des genau umgekehrten Rats von Politikern und Medien hierzulande, mit dem Islam umzugehen?  

Dogan: Daß wir früher oder später „gebissen“ werden. 

Warum wird dieser Rat dann gegeben?

Dogan: Weil man Angst vor der Wahrheit hat. Aber es ist schon erstaunlich, daß diese Leute, die keine eigene Erfahrung mit dem Islam haben, glauben, es besser zu wissen als wir, die wir über Jahrhunderte im Islam gelebt haben. Ich will nicht, daß die Christen Europas eines Tages diese schreckliche Angst erleben müssen, die wir erleben mußten.

Sie kritisieren die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, sind aber gleichzeitig in der Flüchtlingshilfe aktiv. Paßt das zusammen?

Dogan: Ja. Jüngst habe ich im Bundestag gesprochen und gebeten, die Tür für echte Flüchtlinge niemals zuzumachen! Aber es kommen eben auch viele, die nicht würdig sind, Hilfe zu bekommen.

Warum nicht?

Dogan: Weil sie nicht aus Not kommen. Es gibt die Wirtschaftsflüchtlinge, da muß die Politik entscheiden, wie man das löst. Aber man darf sie nicht gleichsetzen mit wirklich bedrohten Menschen. Und dann kommen viele, um hier in Parallelgesellschaften zu leben. Ein Beispiel: Zwei Bekannte brachten einen Flüchtling zu mir nach Hause. Ich servierte Tee und fragte nach seinem Schicksal. Er sei aus dem Libanon. Libanon? Dort ist kein Krieg! Ja, er sei als „Syrer“ gekommen. Zu welcher verfolgten Gruppe er denn gehöre? Er sei Sunnit. „Wer bitte verfolgt Sunniten im Libanon?“ fragte ich ihn. Er antwortete, wohl annehmend, daß ich, da ich orientalischer Herkunft bin, in seiner Art denke: „Schwester, ich habe gehört, daß alle deutschen Frauen Huren sind und ich hier also jede besteigen kann. Warum soll ich mich da im Libanon abrackern?“ Ich konnte es nicht fassen! Dieser Mann saß auf meiner Couch, trank meinen Tee und beschimpfte mich – ich bin auch eine deutsche Frau – als Hure! Ich lief rot an, wollte ihm an die Gurgel. Da kam zufällig der Mann herein, der für ihn gedolmetscht hatte und fragte erstaunt, was los sei? Ich sagte ihm: „Dieses Schwein hat eben ...“ und erzählte alles. Nun erfuhren wir von dem Dolmetscher, was der Mann in seiner Anhörung angegeben hatte: er sei unter Lebensgefahr vor dem IS geflohen. Woraufhin er Asyl erhalten und natürlich Familienzusammenführung beantragt hatte. Und das ist kein Einzelfall. Abertausende solcher Leute sind nach Deutschland gekommen! Wissen Sie, einmal flog ich nach Dubai, doch bei der Ankunft war mein Paß beschädigt: man ließ mich nicht ins Land, kein gültiges Dokument! Hier aber läßt die Regierung massenhaft Leute einreisen, ohne sie auch nur zu registrieren!

Die österreichische Boulevardzeitung „Krone“ zitiert Sie mit den Worten: „Europa hat die Wölfe hereingelassen.“

Dogan: Ja, und die Schafe draußengelassen, leider! Da kommen Menschen als „Flüchtlinge“ und stellen Forderungen, sind unverschämt, kriminell, belästigen, vergewaltigen Mädchen, beschimpfen, bedrohen Christen oder beschweren sich sogar, daß bestimmte Zustände hier nicht zum Islam passen. Und die Politik schweigt! Ich kann es nicht fassen! Natürlich, wir müssen auch Moslems aufnehmen, wenn sie verfolgt sind, um Gottes Willen auf jeden Fall! Aber wer wirklich fliehen muß, beschwert sich nicht. Wer wirklich aus Not kommt, paßt sich an. Daran erkennen Sie, wer tatsächlich ein Flüchtling ist! Ich weiß das, weil ich selbst Flüchtling war. Wir haben uns nicht beklagt, wir waren dankbar.

Angesichts Ihrer Ankunft als Flüchtling hier ist es um so erstaunlicher, daß Sie eine so große internationale Organisation aufbauen konnten. Woher kam das Geld?  

Dogan: Damals konnten zwar etliche moslemische Nachbarn und örtliche Polizei gemeinsame Sache mit den Dieben machen, aber gegen das türkische Gesetz, das unser Eigentum garantiert, kam ihre lokale Macht nicht an, so daß wir bis heute Landbesitz haben. In Deutschland habe ich drei Berufsausbildungen – Seelsorgerin, Krankenschwester, Physiotherapeutin – und ein Studium – Theologie und Religionspädagogik – absolviert und zuletzt  gut verdient. So konnte ich meine ersten Hilfsprojekte aus eigener Tasche finanzieren, um Ihre Frage zu beantworten. Allerdings hatte ich lange schon vor dem ersten Projekt angefangen, Spenden zu sammeln. 1997 war ich als Delegierte des Weltkirchenrates in Afrika, aber der Wendepunkt kam 1999 während einer Vortragsreise in Indien, als ich an einem Regentag aus meinem Hotelfenster sah. Mein Blick fiel auf ein Kind, das unter einem Zeltdach Schutz gesucht hatte, inzwischen aber in einer Pfütze lag. Da hoben die Eltern ihr schlafendes Kind auf und legten einen flachen Stein unter, damit sein Körper nicht mehr im Wasser welkte. Da ging es mir wie ein Blitz durch den Kopf: „Oh mein Gott! Was willst Du mir mit diesem Anblick sagen?“ Plötzlich verstand ich und gab Jesus das Versprechen, von nun an nicht mehr für Geld zu arbeiten, sondern mich statt dessen ganz in seinen Dienst zu stellen. Ich ließ mir mein Erspartes schicken und kaufte für die Armen vor dem Hotel Nahrung und Schuhe, später bauten wir ihnen Unterkünfte und Brunnen. Stellen Sie sich vor, die Schuhe waren diesen Menschen ein so wertvoller Besitz, daß sie sie gar nicht anzogen, aus Angst sie könnten schmutzig werden, und lieber weiter barfuß durch den Unrat liefen! So also bin ich seit 1999 „arbeitslos“ und widme mich ganz meinen Hilfsprojekten.  

Wie können Sie Aberdutzende Projekte, verteilt rund um die Welt, mit Tausenden Ehrenamtlichen kontrollieren? Droht da nicht Mißbrauch und Mißwirtschaft? 

Dogan: Natürlich muß ich die einzelnen Projekte von Menschen meines Vertrauens vor Ort führen lassen. Aber ich prüfe genau alle Jahresberichte und bereise jedes Jahr sämtliche Projekte! Weshalb ich mehr unterwegs bin als zu Hause in Deutschland. Jüngst war ich bei unserem Projekt in Guatemala, wo wir im letzten Jahr zwei Kliniken, drei Schulen und 32 Kirchen gebaut haben.

Wie bekommen Sie so viel Geld zusammen?

Dogan: Ich habe inzwischen einen guten Namen. Leute erkennen mich auf der Straße oder im Aldi und stecken mir zum Beispiel hundert Euro zu: „Sie wissen schon, wofür das am besten zu verwenden ist!“ Aber natürlich kommen so nicht die Summen zusammen, sondern durch Vorträge, Aktionen, die viele Berichterstattung, vor allem hier bei uns in Westfalen, wo ich fast regelmäßig in der Zeitung bin. Oder durch aramäische TV-Kanäle, die in neunzig Ländern ausgestrahlt werden. Ein Großteil des Geldes kommt von aramäischen Christen, unter denen ich am bekanntesten bin. Auch bin ich nicht die einzige, die bei uns sammelt. Und dennoch ist es angesichts des Elends nie genug. Armut und Krankheit gibt es überall. Und dann die IS-Opfer, die wir auch betreuen, die teilweise Dinge erlebt haben, die man sich nicht vorstellen kann. Zum Grauenvollsten gehört das Schicksal von Eltern, deren Kinder vor ihren Augen ermordet wurden, dann heimlich gekocht und ihnen zu essen gegeben wurden – was der IS ihnen hinterher per Videobeweis offenbart hat. Die meisten Europäer wissen kaum, welches Leid existiert. Deshalb vergessen so viele Gott und wie wichtig seine Liebe ist. Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie viele Menschen das herrlichste Geschenk, Jesu Liebe, zu erkennen verlernt haben. Ihnen würde ich so gerne die Augen öffnen. 






Hatune Dogan, die Nonne des syrisch-orthodoxen Klosters im westfälischen Warburg leitet die Hatune-Stiftung in Paderborn und ist bekannt durch zahlreiche Medien-Auftritte. Geboren wurde sie 1970 in der Osttürkei. 2010 erschien ihr Buch „Es geht ums Überleben. Mein Einsatz für die Christen im Irak“ und 2015:  „Ich glaube an die Tat. Im Einsatz für Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak“ 

 Spendenkontakt: „Helfende Hände für die Armen“, Sparkasse Paderborn, IBAN: DE 6247 6501 3000 1112 1142, BIC: WELADE3LXXX

 www.deutsch.hatunefoundation.com

Foto: Schwester Hatune beim „Frauenmarsch“ gegen Gewalt durch Migranten an Frauen (Berlin, 2018): „Wer wirklich fliehen muß, beschwert sich nicht und paßt sich an – für diese dürfen wir die Türe niemals schließen!“


 

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