© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Jäder nor einen wenzigen Schlock
Kultfilm: Im Januar vor 75 Jahren wurde „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann uraufgeführt
Matthias Matussek

Wenn sie konsequent wäre, hätte die Linke hierzulande diesen Film längst auf den Index setzen und aus dem Verkehr ziehen müssen.

Er verherrlicht die wilhelminische Vergangenheit. Er verschließt die Augen vor dem Judenmord. Er verführt zur politischen Passivität. Er ist kitschig. Er propagiert ein überholtes Frauenbild, und er ist heteronormativ. Er verführt ganze Hörsäle, in denen er immer zur Weihnachtszeit gezeigt wird, zu brüllendem Gelächter über ein Werk, das in der Stunde des moralischen Untergangs entstand.

Last but not least: Sein Hauptdarsteller und Produzent Heinz Rühmann war zwar nicht Parteimitglied, aber ein Mitläufer des NS-Regimes.

In der Tat wollte Adolf Hitler in der Wolfsschanze 1944 von Hermann Göring, dem Heinz Rühmann die Filmrollen persönlich übergeben hatte, weil Erziehungsminister Rust „Die Feuerzangenbowle“ als Gefahr für Zucht und Disziplin vor der Uraufführung verschwinden lassen wollte, nur eines wissen: „Können die Leute lachen?“

„Das können sie“, versicherte Hermann Göring.

Das können sie bis heute. 

Mittlerweile ist der Streifen eine Art Kultfilm geworden, das studentische Publikum hat Mitspielutensilien dabei, wenn er vorgeführt wird. Den Wecker für Pfeiffers erste Schulstunde. Taschenlampen für die Szene, in der der „Schöler“ Hans Pfeiffer („mit drei f, Herr Lehrer, eins vor dem „ei“ und zwei nach dem „ei“) seinem stotternd-unvorbereiteten Mitschüler mit einem Taschenspiegel den Weg der Goten durch Europa auf der Landkarte zeigt. Wunderkerzen für die Szene, in der Pfeiffer als Chemielehrer Professor Crey im abgedunkelten Klassenzimmer seine vermeintlichen Experimente mit dem chemischen Element Radium vorführt. Nicht zuletzt die Sektflaschen, die ploppen, wenn die Klasse von Professor Crey („nur ein wenziges Schlöckchen“) vorgeführt wird, wie Gärung zu Heidelbeerschnaps führt.

Zum Inhalt dieses Urgroßvaters aller Pauker- und „Hurrah-die-Schule-brennt“-Filme: In einer Herrenrunde von bärtigen Honoratioren beim Punsch – einer Feuerzangenbowle – erinnern sich die Ergrauten selig ihrer unschuldigen Schülerstreiche und deren Opfer, der Lehrer. Zu ihnen stößt in später Stunde der Erfolgsschriftsteller Dr. Johannes Pfeiffer, der auf solche Erlebnisse nicht zurückgreifen kann – er wurde von Privatlehrern zu Hause unterrichtet.

Da taucht die Idee auf, den Pfeiffer noch einmal zur Penne zu schicken, und selbst der, mittlerweile angeheitert, sympathisiert schließlich mit dem Plan und verwandelt sich, was ihm nicht schwerfällt mit diesem, mit Heinz Rühmanns, Mondgesicht: Weg mit Schnurrbart, die Haare gestutzt, Primaner-Mütze mit Schirm, fertig ist der Neue in der Oberprima im Gymnasium Babenberg, deren Klassenzimmer in den Babelsberger UfA-Studios erfunden wurde.

Außenansichten stammten von Gymnasien in den Berliner Stadtteilen Charlottenburg und Wilmersdorf, die zur Zeit der Dreharbeiten im Mai 1943 offensichtlich noch ohne Bombentreffer waren. 

Erste Stunde bei Professor Bömmel, dem einer der Lausebengel einen seiner Schuhe versteckt, denn Bömmel zieht sich während des Unterrichts die Pötten aus.

Dann die Geschichte mit Oberlehrer Dr. Brett – hier sind „Nazi“-Rufe bei den Vorführungen obligatorisch, denn die Figur wurde – anders als im Original des Schriftstellers Heinrich Spoerl angelegt – auf Parteikader-Strenge gebracht.

Zwischendurch eine Karzerstrafe – die gab es um 1900 noch, der Zeit, in der der Film spielt. Besuch von neugierig kichernden höheren Töchtern aus der Schule gegenüber, die wie die Jungs, wesentlich reifer und erwachsener aussehen als heutzutage. Unter ihnen die angeblich erst 17jährige Tochter Eva des Babenberger Schuldirektors Knauer, genannt „Zeus“, nicht nur wegen des für antike Statuen gern genommenen mächtigen Bartes.

Die beiden, na klar, verlieben sich, weshalb auch Pfeiffers aus Berlin herbeigetrippelte zickige Verlobte, die ihn in die Zivilgesellschaft zurückführen möchte, unverrichteter Dinge wieder abrauscht. Eva soll der Herzensschatz sein, und Eva wird es, und in einer grandios tumultartigen Schlußszene, in der Pfeiffer sein Abiturzeugnis, seine Literaturpreise und – nicht unwichtig – seinen letzten Steuerbescheid präsentiert, schließt der Film im Happy-End.

Alles gut also, und zwar in diesen cremigen Schwarzweiß-Tönen damaliger UfA-Lichtkunst gedreht, die schon in den dreißiger Jahren durchaus eigene Handschrift aufwies. Die Rechte an dem Film übrigens liegen in den Händen der AfD-Politikerin Cornelia Meyer zur Heyde, da käme also genug zusammen für die Schlägertrupps der Antifa, um die Filmvorführungen heutzutage aufzumischen.

Es wäre ein durch und durch harmloser Pennälerklamauk, wenn die Dreharbeiten an diesem Film nicht in einer Zeit lägen, die das nackte Grauen waren, er also vom Zuschauer, mit dem Wissen darum, eine erhebliche Verdrängungsleistung erwartet. Aber genau auf diese war der Film angelegt: An der Heimatfront sollte die gute Laune nicht vergehen, während auf den Schlachtfeldern die Soldaten verreckten und die Juden in die Öfen gefahren wurden und allein im Warschauer Ghetto 40.000 umkamen.

Hitler wollte wissen: Kann man über den Film lachen? Man kann es. Man tut es. Und staunt über die menschliche Fähigkeit zu Verdrängung und Vergessen. Es ist ein Film, der in ein seliges Gestern führt, in eine ewige Jugendzeit, in ein Paradies der schönen Erinnerungen, die so leicht an der Wirklichkeit zerschellen. 

Als „Die Feuerzangenbowle“ schließlich uraufgeführt wurde, im Kino am Tauentzien am 28. Januar 1944, fielen die Bomben bereits tonnenweise auf Berlin. Wenn es schon damals möglich war, mit diesem Film die schreckliche Gegenwart auszublenden, dann ist es leicht, das einige Generationen und 75 Jahre später zu tun. 

Der Mensch ist so gebaut. Er vergißt und verdrängt und zieht die selige Erinnerung vor, auch wenn die Räson eines ganzen Staates dagegen mit allen Mitteln ankämpft.

Heinrich Spoerl: Die Feuerzangenbowle. Roman (Sonderausgabe), Droste Verlag, Düsseldorf, gebunden, 216 Seiten, 12,95 Euro

DVD: Die Feuerzangenbowle. Kult-Komödie mit Heinz Rühmann. Laufzeit etwa 92 Minuten, 8,99 Euro