© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Von der Straße auf die Leinwand
Film: Der fleißige französische Schauspieler Gérard Depardieu wird siebzig
Markus Brandstetter

Mit französischen Schauspielern hat es eine merkwürdige Bewandtnis: sie verfügen meist über nur wenig Schulbildung. Während viele britische und amerikanische Schauspieler studiert haben, kommen die berühmtesten französischen Schauspieler fast immer aus sehr einfachen Verhältnissen und haben oft nur die Hauptschule abgeschlossen.

Der Nachweis ist leicht zu führen: Denzel Washington, Meryl Streep, Kevin Spacey, Sandra Bullock, Tom Hanks und Anthony Hopkins haben alle an renommierten Einrichtungen Schauspiel studiert. Bei den Franzosen liegt der Fall ganz anders. Jean Gabin, der Sohn eines Cafébetreibers und Operettendarstellers, hat die Schule mit 14 Jahren verlassen. Alain Delon, der zuerst von sechs Schulen geflogen war, hat seine Schullaufbahn ebenfalls mit 14 beendet, dann in der Metzgerei seines Stiefvaters gearbeitet, wurde nach dem Diebstahl eines Jeeps unehrenhaft aus der Marine entlassen und schlug sich anschließend mit Gelegenheitsjobs durch. Lino Ventura verließ die Schule sogar mit neun Jahren und trat später als Catcher auf.

Die Filme werden nach und nach anspruchsvoller

Aus den allereinfachsten Verhältnissen stammt auch Gérard Depardieu, im Moment wohl der berühmteste männliche französische Schauspieler überhaupt. Depardieu wurde 1948 in Châteauroux geboren, einem Nest irgendwo in der Mitte des französischen Sechsecks, weit weg von den Pariser Theatern und der französischen Filmindustrie, die einmal so wichtig für ihn sein würde. Sein Vater, ein Metallarbeiter, den Depardieu trotz dessen Gewalttätigkeit bewunderte, trug den Spitznahmen „Dédé“, eine Verballhornung von „deux deux“ (zwei zwei), weil er genau zwei Buchstaben schreiben konnte. 

Depardieu wächst in einer Zweizimmerwohnung inmitten von fünf Geschwistern auf, verbringt mehr Zeit auf der Straße als in der Schule, die er mit 13 Jahren als funktionalerer Analphabet und halber Stotterer verläßt. Im Laufe einer Jugend, die er selber als „schwierig“ bezeichnet, begeht er Diebstähle, handelt mit geschmuggeltem Alkohol und Zigaretten und versucht sich als Zuhälter. Nebenbei bestreitet er – wie Jean-Paul Belmondo vor ihm – einige halbprofessionelle Boxkämpfe und läuft einige Male als Junior für den Fußballverein von Châteauroux auf. Erst als sein bester Freund bei einem Autounfall stirbt, beschließt Depardieu, sein Leben zu ändern.

Mit sechzehn Jahren geht er nach Paris mit dem Traum, Schauspieler zu werden. Dort besucht er kostenlose Schauspielkurse, die von einigen Theatern angeboten werden, treibt sich im Künstlermilieu herum, lernt den Theaterprofessor Jean-Laurent Cochet kennen, der Depardieu unter seine Fittiche nimmt, und erhält erste Rollen im Pariser Café de la Gare, in dem man sich zum Abendessen ein Theaterstück anschauen kann. Da spielt er neben dem frühverstorbenen Patrick Dewaere, Miou-Miou und dem Komiker Coluche und wird nach und nach bekannt. 

Viele heute vergessene Schauspieler haben so begonnen, und die meisten von ihnen haben so ihr ganzes Leben lang weitergemacht. Aber nicht Depardieu. Der spielt 1974 die Hautrolle in einer freizügigen Erotikkomödie mit dem Titel „Die Ausgebufften“ und landet damit einen Skandalerfolg, der ihn im ganzen Land berühmt macht. Der damals noch schlanke Depardieu mit seiner prominente Nase, der sich in der Gesellschaft von Intellektuellen wegen seiner mangelnden Bildung und seines Unterschichtenakzents kaum ein Wort zu sagen traut, ist jetzt auf dem Weg zum Star. Unglaublich fleißig, was er von nun an immer sein wird, dreht er jedes Jahr im Schnitt drei Filme, die nach und nach anspruchsvoller werden.

1981 zum Beispiel spielt er in Alain Corneaus „Wahl der Waffen“ gegenüber von Yves Montand und Catherine Deneuve einen kleinen, aber extrem gewalttätigen Gauner aus miesen Verhältnissen mit einem Wechsel aus unverstellter Verletzlichkeit und häßlicher Brutalität, wie man das im französischen Kino seit Lino Ventura nicht mehr gesehen hat. In den achtziger Jahren werden zunehmend bedeutendere Regisseure auf Depardieu aufmerksam. Er arbeitet mit François Truffaut, Alain Resnais und dem Polen Andrzej Wajda. Seine Rollen werden größer, anspruchsvoller und facettenreicher. Depardieu spielt den Revolutionär Danton und den Bildhauer Auguste Rodin ebenso wie einen verliebten Jung-Schauspieler im von den Deutschen besetzten Paris („Die letzte Metro“) und einen Hochstapler aus dem 16. Jahrhundert („Die Wiederkehr des Martin Guerre“).

Putin empfängt ihn mit offenen Armen

In den neunziger Jahren, Depardieu ist inzwischen Anfang Vierzig, werden amerikanische Regisseure und Produzenten auf ihn aufmerksam und er unternimmt Ausflüge nach Hollywood, aber es zeigt sich schnell, daß das nicht seine Welt ist, auch deshalb, weil Depardieu nie richtig Englisch lernt. Amerikanische Kritiker, die ihn 1990 in Peter Weirs „Green Card – Schein-Ehe mit Hindernissen“ erleben, bezeichnen Depardieu als „fetten Tölpel“, Ridley Scotts Abenteuerfilm „1492 – Die Eroberung des Paradieses“, in dem Depardieu Columbus mimt, fällt bei den Kritikern ebenfalls durch, und in Kenneth Branaghs hochgelobtem Hamlet-Film spielt er die winzige Rolle des Reynaldo, die bei den meisten Theaterproduktionen gestrichen wird.

Diese Rückschläge wirken sich jedoch nicht auf Depardieus Einkommen aus. Seit zwanzig Jahren ist er der bestbezahlte französische Schauspieler, der im Jahr zwei bis drei Millionen Euro verdient und für jeden Film eine Gage von 800.000 Euros erhält. Im Jahr 2012 wird sein Gesamtvermögen auf 120 Millionen Europa geschätzt, dazu gehören Weingüter in Marokko, Algerien und natürlich Frankreich, Restaurants, Bars und Feinkostgeschäfte in Belgien und Paris, ein herrschaftliches Anwesen in Südfrankeich, wo seine Exfrau lebt, und mehrere Unternehmen in Rußland.

Wer so viel Geld verdient, der muß viel an Steuern zahlen, was Depardieu, obwohl er politisch die Kommunisten und die französischen Grünen unterstützt, wie viele Reiche nicht gerne macht. Deshalb verlegt er, als Frankreich die Reichensteuer einführt, seinen Wohnsitz erst nach Belgien und dann nach Rußland, wo ihn Präsident Putin mit offenen Händen empfängt und ihm per Präsidialbeschluß in kürzester Zeit einen russischen Paß verschafft. Seine Freundschaft mit Putin trägt Depardieu jede Menge Kritik ein, dabei irrlichtert er politisch schon seit Jahren durch die Weltgeschichte. Er findet abwechselnd Fidel Castro („der macht seit 50 Jahren intelligente Politik), den konservativen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy („der einzige, der den Job kann“) und den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow („bei dem bin ich gern“) großartig.

Depardieus weitgespannte Unternehmungen und Interessen kosten viel Geld, und das merkt man seinen Filmen seit Jahren an – die werden nämlich schlechter, er nimmt jetzt alles, was ihm angeboten wird, solange die Gage stimmt. Der Mann, der früher mit seltener Authentizität Außenseiter, Brutalos und Randfiguren gespielt hat, gibt jetzt den dicken Obelix in der Asterix-Franchise, spielt in belanglosen Wohlfühl-Filmen wie „Mammuth“ mit und übernimmt gutbezahlte Nebenrollen in internationalen Prestigeprojekten wie „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“.

Seit einigen Jahren schon macht Depardieu öfter Schlagzeilen mit gesundheitlichen Problemen als mit großartigen Filmrollen. Trotz Bypässen und einer Lebertransplantation trinkt er nach eigenen Aussagen bis zu 14 Flaschen Wein am Tag, flankiert von erheblichen Mengen an Bier, Sekt, Whiskey und Wodka, was dem passionierten Motorradfahrer mehrere teils schwere Unfälle eingebracht hat. Trotz alledem ist Depardieu so fleißig und tätig wie immer – seit der Jahrtausendwende hat er 189 Filme gedreht, im Schnitt fünf pro Jahr, was, abgesehen von ein paar Bollywood-Akteuren, kein Schauspieler auf der Welt schafft. 

Am 27. Dezember wird Gérard Depardieu 70 Jahre alt.