© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Dorn im Auge
Christian Dorn

Was Laktoseintoleranz für die Gastronomie, ist für das Feuilleton der migrationsfeministische Befund „toxisch“. Dieser wurde von der türkischstämmigen Künstlerin Cana Bilir-Meier dem Kurator Kasper König attestiert für dessen männlichen „Rassismus“. Auf dem Foto posiert die politisch-korrekte Anklägerin in einem T-Shirt mit arabischem Schriftzug – über diese Mode kann der kurdische Filmemacher im Café des Ost-Sektors nur den Kopf schütteln. Sein Debüt „Arabesk Berlin“, in dem ein (unechtes) Neonazi-Paar aus Brandenburg durch das echte Neukölln streift, scheint da deutlich mutiger. Als der Skinhead den kurdischen Friseur provoziert, wie es sich denn ohne Land lebe, erwidert dieser so vieldeutig wie weise: „Das hängt davon ab, in welchem Land man lebt.“


Dennoch sind wir „extrem polarisiert“, so der Süddeutsche-Titel einer Sammelbesprechung der drei Titel „Der neue Antisemitismus“ (Deborah Lipstadt), „Der neu-deutsche Antisemit“ (Arye Sharuz Shalicar) und „Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“ (Moshe Zuckermann). Laut Lipstadt sei Antisemitismus eine wahnhafte Form von Haß, unterteilt in bestimmte Typen: den Extremisten, den Steigbügelhalter, den Ashnungslosen und den Salon-Antisemiten. Als ich bei einer Geburtstagsrunde im Café des Westsektors den leicht sprachgestörten Palästinenser frage, wo er geboren sei, antwortet der wie aus der Pistole geschossen: „Hier – aber ich hasse trotzdem alle Juden.“ Erneut ziehe ich ein „Sprach-Los“. Ähnlich ergeht es den Köchen, als Tage später ein Gast fragt, ob der Kuchen koscher gebacken und ob auch die Nüsse koscher seien. Da hilft womöglich nur der „Flüsterwitz“. Unter diesem Titel rechnet die Kabarettistin Lisa Fitz in den Wühlmäusen mit der politischen Gegenwart ab: Während in Rußland die Wahlen manipuliert seien, würden in Deutschland die Wähler manipuliert. „Wir schaffen das“ sei der populistischste Satz überhaupt.


Der gilt auch für das merkel-getreue Programm „Ein Jahr hört auf / Auf Nimmerwiedersehen 2018“, mit dem die Brauseboys bis zum Jahreswechsel im Kookaburra-Club gastieren, den Abend eröffnend mit dem parodierten „Babylon Berlin“-Lied „Zu Asche, zu Staub“. Mit am gelungensten erscheinen die „Tagesschau“-Visionen des Jahres 2023. Unter Bundeskanzler Gauland verbietet der Minister für Kultur und Verbraucherschutz, Matthias Matussek, das Produkt „Feine Sahne Fischfilet“, während unter Kanzler Habeck der Hambacher Forst für einen Windpark gerodet wird.