© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Bildungswissen aus zweiter bis dritter Hand
Abschreiben ist keine Kunst: Über die vielfach preisgekrönte Schriftstellerin Judith Schalansky
Dirk Glaser

Die Berliner Schriftstellerin und Buchkünstlerin Judith Schalansky ist ein gefeierter Liebling des bundesdeutschen Feuilletons. Und aller jener Kulturfunktionäre, die Preise und Stipendien zu vergeben haben. Was nicht weniger als zwanzig Auszeichnungen bezeugen, die seit 2007 auf die gebürtige Greifswalderin herabgeregnet sind. Zuletzt in diesem Jahr, – ein schönes Zubrot – der mit 30.000 dotierte Wilhelm-Raabe-Literaturpreis.

Den gab es für ihr neuestes Werk, eine Sammlung kurzer Prosastücke, die, auch dies signalisiert, daß die 38jährige Autorin schon zur literarischen A-Prominenz zählt, im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „Verzeichnis einiger Verluste“ erschienen sind. Wieder hat die Kritik nahezu  einmütig verzückt reagiert. Die FAZ rühmte das abermals von Schalansky selbst gestaltete Büchlein gar, einen schier bestrickenden Sprachzauber zu entfalten. Nur wer keine allzu hohen Ansprüche stellt, dürfte indes in einen solch enthemmten Hymnus einstimmen.

Sprachlich stürzt sich die Verfasserin nämlich wie gehabt in keine übertrieben großen Unkosten. Einfache, kurze Sätze, nüchtern-lakonischer, durchweg beschreibender Stil, geschult an den Texten botanischer oder zoologischer Bestimmungsbücher, wahlweise Schmeil-Fitschen oder Kosmos-Naturführer „Was fliegt denn da?“ Der Leser kennt das aus ihren erfolgreichsten Werken, dem „Atlas der abgelegenen Inseln“ (2009) und ihrem „Bildungsroman“ um die auf den Ruhestand zusteuernde Biologielehrerin Inge Lohmark, die auf Frontalunterricht schwört, ihre Schüler zu Höchstleistungen emporreißt und dabei, wie ihre Schöpferin insinuiert, zwangsläufig seelisch verarmt („Der Hals der Giraffe“, 2011). 

Gerade dieser mit prächtigen Tierbildern verschönte Roman hat Schalansky einen seltenen Tadel eingetragen. In der Süddeutschen Zeitung (Ausgabe vom 28. September 2011) wagte Jörg Magenau keck zu nörgeln: Weil der Sound des Textes an ein Biologiebuch erinnere, werde die Lektüre „bald ein wenig langweilig“. Nicht nur ein wenig, sondern richtig langweilig, ja einschläfernd ist dieses „Verzeichnis einiger Verluste“. Es geht los mit dem Verlust des Südsee-Atolls Tuanaki, das zum Jahreswechsel 1842/43 von einem Seebeben verschluckt und daher 1875 aus allen Karten des pazifischen Weltmeeres getilgt wurde. Man kennt die geographisch-historische Kurzfassung dieser Schnurre aus ihrem Insel-Atlas. Hier pumpt sie die Geschichte nur etwas auf, indem sie ausführlicher auf die Entdeckungsfahrten James Cooks eingeht. Wer je den 1777 veröffentlichten Bericht von Cooks naturwissenschaftlichen Reisebegleitern Reinhold und Georg Forster, ebenfalls „illustriert von eigener Hand“, gelesen hat und vergleicht, wundert sich nicht, daß Schalansky für den Insel-Atlas und den „Giraffe“-Roman jeweils den ersten Preis für ihr Buchdesign einheimste. Denn Prämierungen verdienen ihre Bücher in erster Linie halt wegen der Form, nicht wegen des Inhalts. 

Naturhistorisches Bildungswissen kompiliert

Woran die Tuanaki-Miniatur krankt, ist als Konstruktionsfehler allen folgenden Stücken eigen. Nach dem Vorbild Georg Forsters illustriert sie zwar „von eigener Hand“, aber was Schalansky erzählt, ist Nacherzählung, stammt aus zweiter und dritter Hand. Die Autorin kompiliert angestrengt naturhistorisches Bildungswissen, über versunkene Atolle, über den Kaspischen Tiger, über Otto von Guerickes wundersames Einhorn, über eine verfallene Villa des barocken Baumeisters Pietro da Cortona, oder über die kümmerlichen Fragmente, die von Sapphos Liebesliedern den Untergang der antiken Welt überstanden haben. Auch bei der Urmutter aller gleichgeschlechtlich liebenden Frauen, zu denen auch die Autorin sich rechnet, die bei Matthes & Seitz die Reihe „Naturkunden“ mit Klassikern des Genres wie Jean-Henri Fabre herausgibt, bleibt sie ihrem Faible für die Natur treu. Sapphos Lieder künden von einem natürlichen Trieb, der Himmelsmacht der Liebe und ihrer „Gewaltigkeit“. Zumindest Stilfehler solchen Kalibers, dies sei fairerweise konzediert, bleiben bei der frisch gekürten Sprachmagierin die Ausnahme.

Sie signalisieren allerdings, wie weit sie von ihrem eingangs bekundeten Ziel entfernt ist, im Schreiben „alles zurückholen“ und „alles erfahrbar“ machen zu wollen. Schreiben ist nun einmal nicht Abschreiben aus „Brehms Tierleben“. Warum aber auch jene Texte, die eigene Erfahrungen aus ihrer Heimat Vorpommern verarbeiten, stets wieder ins brave Memorieren von Buchwissen abgleiten, bleibt ihr Geheimnis. So gerät etwa ihre Schilderung einer Wanderung durch das Rycketal, auf Greifswald zu, fast zum Hermann-Löns-Plagiat, mit dem „Schäckern der Elster“, dem „nimmermüden Lied der Buchfinken, dem schwermütigen Singsang der Rotkehlchen“. 

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, gebunden, 252 Seiten, Abbildungen, 24 Euro