© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Der Namenlose mit der Mundharmonika
Filmgeschichte: Vor fünfzig Jahren wurde der Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ uraufgeführt
Markus Brandstetter

Irgendwo im Wilden Westen warten drei vierschrötige Männer an einem Bahnhof mit einem Gleis und einem Haus auf einen Reisenden, der aus dem nächsten Zug aussteigen wird. Das Warten wird ihnen lange: eine lästige Schmeißfliege geht ihnen – und dem Zuschauer – ebenso auf die Nerven wie das kreischende Quietschen eines Windrades über ihren Köpfen und der ewige in den Ohren sausende Präriewind. Als der Zug endlich fauchend und pfeifend hält, scheint niemand auszusteigen.

Die Männer wollen schon wieder gehen, da hören sie in ihrem Rücken die langgezogenen, traurigen Töne einer Mundharmonika, bis sie endlich den Mann mit der Lederhaut sehen, der auf der Harmonika spielt. Und jetzt entspinnt sich einer der knappsten und unterkühltesten Dialoge der Filmgeschichte: Der Mann mit der Harmonika, dessen Namen wir im Film nie erfahren, fragt: „You bring a horse for me?“ (Habt ihr mir ein Pferd mitgebracht?), worauf einer der Männer lachend antwortet: „Looks like we’re shy one horse“ (Sieht so aus, als hätten wir ein Pferd zuwenig), woraufhin der Mann mit der Harmonika zurückgibt: „You brought two too many“ (Ihr habt zwei zuviel mitgebracht) – und die drei Männer erschießt.

Diese Szene bildet den Auftakt des vielleicht größten Western-Films aller Zeiten: „Spiel mir das Lied vom Tod“. Bevor wir weiterreden, klären wir zunädie Sache mit dem Filmtitel: Im italienischen und US-amerikanischen Original – der Film wurde in zwei Sprachen gedreht und in Teilen nachsynchronisiert – heißt der Streifen „C’era una volta il West“ beziehungsweise „Once Upon a Time in the West“, was beides bedeutet: „Es war einmal im Westen“. Dieser Märchenanfang ist dem deutschen Verleiher offenbar viel zu harmlos erschienen, weshalb der Film in Deutschland als Titel eine Dialogzeile aus dem Film selbst trägt.

Der extrem langsame, mit vielen Nahaufnahmen gedrehte und in Momenten surreale Anfang des Films setzt den Ton für alles, was später kommt. Der Zuschauer wird unvermittelt in die harsche Welt einer Gesellschaft ohne Gesetz versetzt, in der jeder jeden umbringt, wenn er sich davon auch nur den geringsten Vorteil verspricht. Der amerikanische Westen ist noch wild und unerschlossen, und überall winken Reichtümer.

Der Weg zu den Schätzen des Westens führt über die Eisenbahn, das wichtigste Transportmittel des 19. Jahrhunderts, das Siedler und Soldaten, Gauner, Spieler und Huren dahin bringt, wo sie ihr Glück machen wollen. Und die Stück für Stück in den Westen vordringende Eisenbahn bildet auch den Hintergrund für den Plot dieses Film, denn da, wo Eisenbahngleise entlangführen, siedeln Leute sich an, da werden Städte gegründet, es entstehen Hotels, Saloons und Bordelle, dort wird wertlose Prärie über Nacht zu teurem Land, das arme Schlucker zu reichen Leuten macht.

Musikalische Reminiszenzen an Bach, Wagner und Verdi

Einer, der heute schon weiß, wo morgen die Eisenbahnlinie hinführen wird, und deshalb Land und Bauholz kauft, um einen Bahnhof zu bauen, ist ein rothaariger Ire namens McBain. Aber er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der in diesem Film ein kaltblütiger Killer ist, Frank heißt und von Henry Fonda gespielt wird. In einer bis heute verstörenden Szene erschießt Frank im Auftrag des verkrüppelten Eisenbahn-Magnaten Morton erst den verwitweten McBain und seine drei Kinder und dann Morton selbst.

Frank, der als kleiner Revolverheld begonnen hat, steht nach dem Mord an Morton an der Schwelle zu Macht und Reichtum – wäre da nicht der Mann mit der Mundharmonika vom Filmbeginn, der Franks Pläne immer wieder durchkreuzt und einen nach dem anderen aus Franks Gang umlegt. Bis es am Schluß zum Showdown zwischen Frank und Mundharmonika kommt, und jetzt erst enthüllt sich dem Zuschauer der Hintergrund der ganzen Geschichte: Frank hat vor vielen Jahren Harmonikas Bruder aufgehängt, wofür Harmonika nun Rache nimmt.

Ein reiner Rachewestern also wie hundert andere auch, könnte man denken, aber das wäre falsch, denn das Meisterwerk des italienischen Regisseurs Sergio Leone ist viel mehr. Das liegt zum einen an der spektakulären Musik des Filmkomponisten Ennio Morricone, dem es hier gelang, aus Reminiszenzen an Bach, Wagner und insbesondere Verdi, wenn wir an den alles überstrahlenden Sopran denken, und durch die Verwendung ungewöhnlicher Instrumente – Mundharmonika, Maultrommel, Honky-Tonk-Piano – eine einzigartige Partitur zu verfassen.

Charakteristisch für den Film ist auch die Erzählweise aus ineinander verschachtelten Rückblenden, die den amerikanischen Kritikern von Anfang an mißfallen hat und das Verständnis der – eigentlich simplen – Handlung tatsächlich unnötig erschwert. Aber Sergio Leone und seine hochkarätigen Drehbuchautoren, zu denen der jüngst verstorbene Bernardo Bertolucci und der Horrorfilm-Regisseur Dario Argento gehörten, wollten keinen linear nach vorwärts erzählten Western à la John Ford schaffen, sondern einen postmodernen Film, der sich unter anderem Orson Wells Erzählweise in „Citizen Kane“ zum Vorbild nahm. Trotzdem stellt das „Lied vom Tod“ schon allein deshalb eine Hommage an den großen amerikanischen Westernregisseur John Ford dar, weil Leone Außenaufnahmen auch in der bizarren Felslandschaft des Monument Valley im US-Bundesstaat Utah drehte, der bevorzugten Kulisse Fords für Filme wie „Ringo“ (Stagecoach, 1939) oder „Der Schwarze Falke“ (The Searchers, 1956).

Kurosawas Samurai-Filme übten großen Einfluß aus

Den größten Einfluß auf den Film übte neben John Ford jedoch der japanische Regisseur Akira Kurosawa aus, dessen Samurai-Filme nicht nur John Sturges’ „Die glorreichen Sieben“ stark beeinflußten, sondern auch Leones Figur des Harmonika, die von Charles Bronson gespielt wird. Harmonika entspricht, genau wie Kurosawas Samurai-Held Yojimbo, dem Schema des einsamen und namenlosen Fremden, der in einer gesetzlosen Stadt voller Mord und Totschlag auftaucht und den dortigen Saustall ebenso gerissen wie grausam aufräumt, wodurch er die Ordnung wiederherstellt.

Am Ende des Lieds vom Tods ist das schön zu sehen: Als Harmonika, allein und ohne bei der von Claudia Cardinale gespielten Jill McBain zu bleiben, davonreitet, gibt die Kamera den Blick auf Hunderte emsiger Arbeiter frei, welche jetzt Stadt und Bahnhof bauen, wie der getötete McBain es sich erträumt hatte. Jetzt, da die Gefahr in Gestalt von Frank und seinen Desperados beseitigt ist, kann der Aufbau einer bürgerlichen Gesellschaft mit einer zivilen Rechtsordnung beginnen. Für die aber wird ein Revolverheld wie Mundharmonika nicht mehr gebraucht. Darum muß er weiterziehen.

Der 1989 im Alter von nur 60 Jahren verstorbene Sergio Leone war ein genialer Regisseur, aber ein mieser Manager, dessen Träume der Realität oft weit vorauseilten. So war es auch bei den Dreharbeiten zum „Lied vom Tod“, wo Leone wie immer das Budget überzog, viel zuviel Film belichtete, was dann im Schneideraum mühsam gekürzt werden mußte, und jede Menge Probleme mit seinen Stars hatte. So wollte Clint Eastwood die Rolle des Harmonika nicht spielen, weshalb Leone ihn im letzten Moment durch den kaum bekannten Charles Bronson ersetzte. Henry Fonda, der archetypische „Good Guy“ des amerikanischen Kinos, hatte anfangs die größten Bedenken, einen Schurken zu spielen, weshalb Leone extra aus Rom einfliegen mußte, um den zögernden Star zu überzeugen.

Heute sind die Querelen der Produktion längst vergessen. Geblieben ist einer der großartigsten und erfolgreichsten Westernfilme aller Zeiten, der seit seiner Uraufführung am 20. Dezember 1968 insbesondere in Deutschland und Frankreich zu einem Kultklassiker wurde.