© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Spirituelle Erzählungen für den Weltfrieden
Sachsen: Das Karl-May-Museum in Radebeul will sich neu ausrichten / Jahresausstellung widmet sich seinem Spätwerk
Paul Leonhard

Generationen von Familien nutzten in den vergangenen 90 Jahren einen Dresden-Ausflug, um nach Radebeul in das im Dezember 1928 eröffnete Karl-May-Museum zu eilen und dort unter anderem Henrystutzen, Bärentöter und Silberbüchse zu bestaunen. Selbst zu SED-Zeiten, als der sächsische Abenteuerschriftsteller Karl May (1864–1912) verpönt war und es eine Lieblingsbeschäftigung der DDR-Zöllner war, die Weihnachtspakete aus dem Westen von diesem „Schund“ zu befreien und Originalausgaben wieder devisenbringend zu verkaufen, wurde eher Karl May gelesen als Karl Marx.

Indianer fordern Skalps zurück

Nach der Wiedervereinigung kehrte der Nachlaß des Schriftstellers – Arbeitszimmer und Bibliothek – in sein einstiges Wohnhaus, in die Villa Shatterhand, zurück. Dem Karl-May-Boom in der Wendezeit folgte jedoch ein rapider Besucherrückgang. Besuchten Ende der achtziger Jahre noch bis zu 250.000 Neugierige die Ausstellung, so waren es 2017 lediglich 57.000.

Diesen Trend will der neue Direktor Christian Wacker nun umkehren. In der heutigen Welt sei Karl May aktuell wie nie. Der 52jährige Archäologe will künftig den Fokus verstärkt auf Mays Spätwerk, den Orient und die moderne Indianerkultur richten und den Einsatz des Schriftstellers für Toleranz, Völkerverständigung und Friedensliebe in den Mittelpunkt stellen. Auch sollen die bisherigen drei Museumsgebäude – die Villa Shatterhand, die Villa Bärenfett und die Villa Nscho-tschi, ab 2022 um einen Neubau ergänzt werden. 

Insgesamt hofft Wacker auf zehn Millionen Euro an Inverstitionsmitteln, um das Museum mit seiner kostbaren Indianistikausstellung mit Hunderten Original-Kleidungsstücken und Waffen der Indianer Nordamerikas auf internationalem Niveau präsentieren zu können. Allerdings gibt es schon Begehrlichkeiten. Seit 2014 fordern Vertreter der Ojibwa-Indianer 17 Skalps zurück mit dem Ergebnis, daß die Exponate, deren Provenienz unklar ist, im Depot verschwunden sind.

Erstes Zeichen der Neuausrichtung ist die Jahresausstellung „Und Frieden auf Erden“ (bis 27. Oktober), in deren Mittelpunkt das wenig bekannte Spätwerk Mays steht, der sich ab 1900 – beeinflußt von Alfred Hermann Fried, Lew Tolstoi und im Briefwechsel mit Bertha von Suttner stehend – mit spirituellen Erzählungen für Weltfrieden und Mitmenschlichkeit stark gemacht hat.

Kontakt: Karl-May-Museum, Karl-May-Str. 5, 01445 Radebeul. Öffnungszeiten bis Februar: Täglich außer montags 10 bis 17 Uhr.

 www.karl-may-museum.de