© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Für eine brutalere Gangart
Im Zeichen linksradikaler Strömungen: Vor einhundert Jahren wurde die KPD gegründet
Karlheinz Weißmann

Am 31. Dezember 1918 erschien eine Resolution der gerade gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD): „Die revolutionäre Lage gebietet mehr als je klare Entscheidung, unzweideutige Haltung, Lossagung von allen lauen und opportunistischen Elementen, Zusammenschluß aller ehrlich und entschlossen proletarisch-revolutionären Kämpfer.“ 

Mit den „lauen und opportunistischen Elementen“ waren die Anhänger der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) gemeint, und die war, folgte man der Erklärung, nicht mehr als ein „Gelegenheitsprodukt des Weltkrieges“. Tatsächlich verdankte die USPD ihre Entstehung im Frühjahr 1917 allein der Tatsache, daß eine wachsende Zahl von Sozialdemokraten die Aufrechterhaltung des „Burgfriedens“ ablehnte. Ansonsten hatten die, die sich von der Mutterpartei – jetzt „Mehrheits-Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (MSPD) – lossagten, relativ wenig gemeinsam. Sie gewannen auch nur eine begrenzte Zahl von Funktionären und Mitgliedern, hatten weder auf die Parteipresse noch auf die -kasse Zugriff und sahen sich staatlichen Repressionen ausgesetzt. Als Aktivposten blieben lediglich die Berufung auf die reine Lehre des Marxismus, vor allem die Forderung nach Wiederaufnahme des Klassenkampfs und das Bekenntnis zum Internationalismus.

Eine entschlossene Minderheit in der USPD wollte jedoch den radikalen Worten radikale Taten folgen lassen. Diese „Gruppe Internationale“ oder „Gruppe Spartakus“ bestand schon seit 1916 unter informeller Leitung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ihr Vorbild war Rußland, wo zuerst die Monarchie und dann die bürgerliche Republik beiseite gefegt wurde. Darin sah man den Anfang eines Prozesses, der nicht auf ein Land beschränkt sein würde, sondern letztlich die Weltrevolution bewirken sollte.

Es gab an der Spitze des Spartakus allerdings Vorbehalte gegenüber den Methoden der Bolschewiki und insbesondere Lenins. Ursache dafür war die Feststellung, daß eine von Kleinbauern getragene Revolution nicht dem marxistischen Entwurf folgte und die Schaffung einer Kaderpartei allen egalitären Glaubenssätzen der Linken widerspreche. Vor allem Rosa Luxemburg beharrte auf der Selbsttätigkeit der Massen, deren revolutionärer Wille der entscheidende Faktor für den Sieg im „letzten Klassenkampf“ sei.

Angesichts dessen war der Entschluß der Gruppe Spartakus folgerichtig, vorerst in der USPD zu bleiben. Man wußte um die eigene Schwäche und konnte nur hoffen, auf längere Frist die Arbeiterschaft zu erreichen und zur Revolution zu erziehen. Diesem Ziel dienten die von Liebknecht und Luxemburg in Umlauf gebrachten Spartacusbriefe. Deren immer wiederkehrende Polemik gegen die Kriegsanstrengungen, die Forderung nach aktiver Solidarität mit Rußland und Ablehnung des Friedens von Brest-Litowsk, das Verlangen nach Aufhebung des Ausnahmerechts und die Unterstützung aller großen Streikbewegungen machten ebenso Eindruck auf Zivilbevölkerung und Soldaten wie der Dreiklang „Frieden, Freiheit, Brot“.

„Diktatur des Proletariats“ gewaltsam erkämpfen

Trotzdem fürchtete man daß durch den Einfluß der „Regierungssozialisten“ und die Bedenkenträgerei der USPD-Führung die „kommende proletarische Revolution“ mindestens verzögert werden könnte. Eine Sorge, die die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918 noch verstärkte. Wenn Liebknecht unmittelbar darauf vor einer Menschenmenge am Berliner Schloß die „freie sozialistische Republik“ proklamierte, war das aber lediglich ein symbolischer Akt. Hinzu kam, daß sich zu dem Zeitpunkt praktisch alle maßgebenden politischen Gruppierungen zum „Sozialismus“ bekannten. Nur unterschied sich das, was man unter dem Begriff verstand, deutlich: während die MSPD kaum mehr als eine „Gemeinwirtschaft“ vorschwebte, strebten USPD wie Spartakisten eine radikale Umwälzung der Besitzverhältnisse an. Ganz ähnliche Differenzen gab es im Hinblick auf die Forderung nach einem Rätesystem, das die MSPD bloß als Ergänzung des Parlamentarismus betrachtete, während die Unabhängigen darin ein alternatives Demokratiekonzept sahen und die Spartakusleute eine Möglichkeit, die „sozialistische Demokratie“ zu verwirklichen, also das, was Marx unter der „Diktatur des Proletariats“ verstand.

Zum offenen Ausbruch kam der Konflikt zwischen diesen Positionen durch den Entschluß der USPD, mit der MSPD eine gemeinsame Regierung zu bilden, die bezeichnenderweise „Rat der Volksbeauftragten“ hieß (ursprünglich war an „Rat der Volkskommissare“ gedacht). Die Spartakisten fühlten sich dadurch in ihrer Meinung bestätigt, daß auf die Unabhängigen kein Verlaß sei. Außerdem erschien deren Bereitschaft, die rasche Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung zu unterstützen, als letzter Beweis, daß man es im Grunde mit Anhängern der „bürgerlichen Demokratie“ zu tun hatte, einer „gegenrevolutionären“ Ordnung, die die „Erweiterung der deutschen Revolution zur Weltrevolution“ hinderte.

So klar diese Feststellung in dem von Rosa Luxemburg formulierten Programm der Spartakisten wirkte, wurde sie doch wieder relativiert durch die Behauptung, daß man den Terror als Mittel verwerfe und die Regierung keineswegs ohne den „klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit“ der Arbeiterschaft übernehmen wolle. Damit war weder eine Abkehr von der Gewalt noch ein Bekenntnis zu demokratischen Verfahren gemeint. Aber in Rußland, dem „Mutterland der Revolution“ fürchtete man die Unentschiedenheit der deutschen Genossen und forderte, daß Spartakus die Kontrolle der Arbeiter- und Soldatenräte übernehmen sollte, um nach dem Muster der Bolschewiki die Macht zu ergreifen.

Die Übertragung der russischen Methode auf die deutschen Verhältnisse war aber nicht umzusetzen. Erst die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Fraktionen der Linken während der Berliner „Blutweihnacht“ 1918 führten dazu, daß die Spartakisten mit der USPD brachen und beschlossen, eine eigene Partei zu bilden. 

Zwecks Vorbereitung tagte vom 29. Dezember bis zum 1. Januar 1919 eine Reichskonferenz unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Es handelte sich um eine sehr heterogene Versammlung. Manche der 93 Delegierten waren bloß zufällig anwesend, manche kamen gar nicht aus dem Spartakusbund, sondern gehörten zu den „Internationalen Kommunisten Deutschlands“, einer der zahlreichen radikalen Splittergruppen, die damals aus dem Boden schossen. Nur eine Minderheit konnte als marxistisch geschult gelten, die meisten waren linke Utopisten ohne klare Vorstellungen. 

Der frisch gegründeten KPD fehlte noch die Massenbasis 

So überraschte es nicht, daß Einigkeit lediglich darüber erzielt wurde, die Parteigründung doch sofort zu vollziehen. Schon die Übernahme des Spartakus-Programms war umstritten. Die Forderung, jenen Passus zu streichen, der den Terror verwarf, konnte von Liebknecht nur mit Mühe abgewiesen werden, nachdem er klargestellt hatte, daß man selbstverständlich auf den Bürgerkrieg und nicht auf eine „Limonadenrevolution“ vorbereitet sei. Dagegen scheiterte der Vorschlag Luxemburgs, aus taktischen Gründen an den Wahlen zur Nationalversammlung teilzunehmen. Karl Radek, der als sowjetischer Vertreter den Ablauf beobachtete, konnte zwar unter dem Jubel der Anwesenden ein Hoch auf die „internationale Revolution“ und die „internationale Räterepublik“ ausbringen, vermerkte aber in seinem Tagebuch: „Ich fühlte nicht, daß hier schon eine Partei vor mir war.“

Auch Rosa Luxemburg hatte keine Illusionen über die Handlungsfähigkeit der KPD. Wenn sie in ihrer Ansprache auf der Reichskonferenz betonte, daß es darum gehe, den Blick „nach unten“ zu richten und das Proletariat anzuleiten, konnte das doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die neue Partei alles andere als eine Massenbewegung war. Sie hatte zwar ein schwer einschätzbares Umfeld von Sympathisanten und konnte Menschenmengen auf die Straße bringen, zählte aber in Berlin gerade fünfzig Mitglieder, ein bunter Haufen, „putschistisch“ gestimmt und unwillig, sich einer Parteidisziplin zu beugen, selbst wenn die sehr weit entfernt war von Lenins „demokratischem Zentralismus“.