© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Fakten schaffen für Versailles
Nach dem Posener Aufstand Ende Dezember 1918 kontrollierten polnische Nationalisten die preußische Provinz
Jörg Mückler

Das Ende des Ersten Weltkriegs hinterließ viele Glutnester in Ostmitteleuropa. Eines davon entwickelte sich zu einem faktischen Krieg zwischen dem Deutschen Reich und der jungen Republik Polen. Der Konflikt um die künftige Grenzziehung wurde zu Land und zu Luft ausgefochten, forderte eine bis heute nicht seriös erforschte Zahl von Opfern und trieb einen weiteren Pflock in den seit Jahrhunderten köchelnden Dauerkonflikt beider Völker.  

Den deutsch-polnischen Konflikt entzündete die Entente noch vor dem Waffenstillstand am 28. September 1918, indem sie die auf ihrer Seite kämpfende und aus ethnischen Polen bestehende „Blaue Armee“ unter Generalmajor Józef Haller in den Status gleichwertiger Ententetruppen erhob. Derart motiviert, forderte der Chef der polnischen Exilregierung Roman Dmowski unter Berufung auf Wilsons „Selbstbestimmungsrecht“ nicht mehr nur „Kongreßpolen“, sondern auch die gesamte preußische Provinz Posen, Westpreußen als Brücke für einen Zugang zur Ostsee, Teile Ostpreußens sowie Oberschlesien. Dmowski tarnte seinen Wunsch nach einer Westausdehnung Polens als „Bollwerk gegen den deutschen Drang nach Osten“. 

Schon am 12. Oktober 1918 begann der Aufbau einer polnischen Armee mit der forcierten Anwerbung Freiwilliger. Im Deutschen Reich blieb das nicht unbemerkt, allerdings gab es spätestens nach der Abdankung des Kaisers am 9. November 1918 und dem 11. Februar 1919, der Wahl von Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten, keine legitimierte deutsche Zentralmacht, die das Heft des Handelns in die Hand nehmen konnte. Nur mühsam hatten bis dahin der Rat der Volksbeauftragten und die Oberste Heeresleitung ihr Verhältnis austariert, es aber nicht vermocht, den Ausbruch eines Bürgerkriegs zu verhindern. 

Das war jedoch nur eine Baustelle. Einen zweiten Brennpunkt bildete die Rückführung des Ostheeres aus ihren weitgespannten Standorten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Als wäre das nicht genug, trafen die teils ungeordnet zurückmarschierenden deutschen Truppen nun auf polnische Aufständische, die sich in den Grenzprovinzen zwischen dem Deutschen Reich und Rußland in Stellung gebracht hatten. Zu den wichtigsten Drahtziehern bewaffneter Aktivitäten und verbaler Entgleisungen gegen alles Deutsche („Szwabi“) gehörte neben Dmowski der Emigrant Ignaz Jan Paderewski. 

Der dank seiner Prominenz als Pianist komfortabel in den USA lebende Paderewski hatte es als Gesandter des polnischen Nationalkomitees in Washington vermocht, direkten politischen Einfluß auf Präsident Woodrow Wilson auszuüben. Hinzu kam in Oberschlesien der bisherige deutsche Reichstagsabgeordnete Wojciech Korfanty. Der neue polnische Staatschef Józef Pilsudski erwies sich ihnen im Vergleich der Forderungen gegenüber dem Deutschen Reich als gemäßigt, vermochte sich aber gegen diese Verfechter einer rigorosen Linie mit ihrem großen Einfluß auf die Ententemächte in den eigenen Reihen nur schwer durchzusetzen. 

Die ersten Schüsse im deutsch-polnischen Grenzkrieg fielen in der preußischen Provinzhauptstadt Posen. In der Provinz lebte bis dahin eine polnische Mehrheit von etwa sechzig Prozent, wobei sich die deutsche Bevölkerung auf die nördlichen Gebiete (Netzedistrikt und Bromberger Raum) und den Westen konzentrierte. Mit diesen ethnischen Mehrheitsverhältnissen begründete der neue polnische Staat auch seinen Anspruch auf die Provinz. In den ursprünglich nach dem 9. November paritätisch deutsch-polnisch besetzten Soldatenräten setzten sich letztere unter Führung Mieczyslaw Paluchs, dem „Liebknecht von Posen“, durch, der am 28. Dezember 1918 die handstreichartige Machtübernahme in der Stadt der Untergrundarmee Polska Organizacija Wojskowa (POW) befürwortete. 

Die deutsche Gegenwehr formierte sich langsam

Vom zuständigen Stellvertretenden Generalkommandos V in Frankfurt (Oder) unter dem fast 70jährigen General der Infanterie Friedrich von Bock und Polach im Stich gelassen und ohne Rückendeckung der eigenen Regierung, vermochte sich keine einzige Posener Garnison gegen die Aufständischen zu behaupten. Dabei waren immerhin Stab und Ausbildungseinheiten von drei Infanterie-Regimentern, ein Jäger-Bataillon, ein Feld-Artillerie-Regiment, ein Fuß-Artillerie-Regiment, ein Pionier-Regiment, eine Train-Abteilung und eine Flieger-Ersatz-Abteilung in der Stadt stationiert. 

Gekämpft wurde bis zum Abzugsbefehl des preußischen Unterstaatssekretärs Paul Göhre um den Flugplatz Posen-Lawitz, unterstützt von Pionieren und Fuß-Artilleristen. Der Aufstand weitete sich Anfang 1919 in der gesamten Provinz Posen aus. Die ersten rasch aufgestellten deutschen Freiwilligenverbände formierten sich vor allem an Netze und Warthe zum „Grenzschutz Ost“, darunter die auch aus Freiwilligen des zurückkehrenden Ostheeres formierten Freikorps Brandis, Brüssow, Chappuis, Diebitsch, Ferth, Roßbach und die Flieger-Abteilung 415. Bei letzterer fand am 8. Januar 1919 ein erstes prominentes Fliegeras den Tod. Über der Kreisstadt Kolmar an der Netze wurde der 18jährige Leutnant der Reserve Max Näther abgeschossen, der im Weltkrieg 26 Luftsiege erzielt hatte. 

Während die polnische POW den Großteil der früheren Provinz kontrollierte, behaupteten die Truppen des deutschen „Grenzschutz Ost“ bis Februar ihre Stellungen von Thorn entlang von Netze und Warthe im Norden bis zu den Provinzgrenzen zu Brandenburg und Schlesien. Auf Geheiß der Franzosen mußten sich schließlich am 19. Februar Vertreter des Deutschen Reiches in Trier verpflichten, auf alle Feindseligkeiten „an der Grenze zu Polen“ zu verzichten.