© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 52/18 / 21. Dezember 2018

Stille Nacht, heilige Nacht
Vor 200 Jahren entstand das bekannteste Weihnachtslied der Welt
Verena Rosenkranz

In dutzenden Sprachen wird das bekanntestes Weihnachtslied der Welt gesungen. Um seine Entstehung ranken sich immer noch Legenden, und seine Geschichte ist gefüllt mit einem sehnlichen Friedenswunsch, großer Not und Hoffnung. In diesem Jahr wird „Stille Nacht, heilige Nacht“ 200 Jahre alt. Und mit ihm die wohl schönste Tradition des Jahres: die bedächtige Zusammenkunft zur Weihnachtszeit, das Innehalten und das Besinnen. Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber haben dieses Gefühl zwar nicht erfunden, sich aber mit ihrem Lied in die Ewigkeit geschrieben.

Der damalige Hilfspriester Mohr verfaßte die Textzeilen des späteren Liedes bereits während seines Dienstes bei der Gemeinde Mariapfarr im Lungau. Die napoleonischen Befreiungskriege waren vorüber, und die Landkarte Europas wurde beim Wiener Kongreß neu geordnet. Wie so oft auch hier zum Mißfallen einiger Beteiligten. So verlor das geistliche Fürstentum Salzburg seine Selbständigkeit und wurde im Zuge einer breiten Säkularisierung zwischen Bayern und Österreich aufgeteilt. Spürbar war das vor allem in kleineren Gemeinde wie auch Mariapfarr entlang der Tauern, die ihren alten Wohlstand durch Handelszölle und Versorgungsprobleme infolge des Abzugs der bayerischen Truppen einbüßten. Ein Umstand, den auch Mohr in seinen Strophen nicht unbedacht läßt und den großen Friedenswunsch auch hier erwähnt. 

Als er sich wenig später wieder zurück nach Salzburg begab, war dort die Landschaftsteilung in vollem Gange. An Oberndorf, dem heute wohl bekanntesten Ursprungsort des Weihnachtsliedes, sollte ein Exempel statuiert werden. Es wurde von seinem Stadtzentrum getrennt, das auf der anderen Seite der Salzach lag. Seit dieser Zeit gehört Laufen zu Bayern und die damals dazugehörige Gemeinde Oberndorf zu Salzburg. Die Familien waren zerrissen, neue Währungen und Staatszugehörigkeiten wurden eingeführt, wenngleich ein legaler Grenzübertritt nicht problematisch war. Die Einwohner lebten zu dieser Zeit vor allem vom Salztransport zu Wasser und waren Schiffer, Schiffbauer oder Handelsmänner. Die Teilung ihres Landes verkomplizierte die Vorgänge und auch die persönlichen Beziehungen. Die Suche nach Gemeinsamkeit und Bestand war also gerade zur Weihnachtszeit besonders groß. Mit der neu errichteten Pfarrei St. Nicola wollte man einen solchen Ort schaffen.

Von Sängerfamilien in die Welt getragen

Die Not und Schicksale der Bewohner schien auch der Priester Mohr erkannt zu haben und griff am 24. Dezember 1818 kurzerhand seine Jahre zuvor entworfenen Textzeilen wieder auf. Ein Gerücht besagt, daß die Orgel der kleinen Kapelle in Oberndorf kaputt war, und darum gab er dem Aushilfsorganisten Franz Xaver Gruber den Auftrag, eine Melodie zu entwerfen, die auch für die Gitarre spielbar sei. Zwei Solostimmen und eine Chorbegleitung sollte das Lied umfassen. Gruber, zu dieser Zeit eigentlich Lehrer in Ober­österreich, gefiel der Text, und noch am selben Tag legte er dem Priester einen Vorschlag für die musikalische Begleitung vor. 

Bei der darauffolgenden Christmette sang Mohr Tenor und übernahm die Begleitung mit der Gitarre, Gruber sang Baß. Aufzeichnungen beschreiben die rasche positive Resonanz, und so wurde die Uraufführung unter „allgemeinem Beifall“ der Bevölkerung zu einem vollen Erfolg. Gruber hielt in der „authentischen Veranlassung“ vom 30. Dezember 1854 seine Sicht der Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, heilige Nacht!“ fest. Mehr als korrekte Datierungen und die ersten Entwürfe der Textzeilen sind darin jedoch nicht zu finden. Das Lied wurde vor allem von Sängerfamilien aus dem Zillertal in die Welt getragen. 

Wenig verwunderlich, daß das heute nicht mehr wegzudenkende Lied im Laufe seines 200jährigen Bestehens gerade in den Zeiten größter Not öffentlichkeitswirksam verbreitet wurde. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde es zum Zeichen der letzten Kraft und Hoffnung. Bereits damals war es in nahezu allen Landessprachen rund um den Globus bekannt und ließ die verfeindeten Fronten einige Augenblicke angesichts der tragenden Melodie innehalten.

200 Jahre später hat es nichts an Wirkungskraft eingebüßt und mahnt uns in Zeiten des Wohlstandes zur Wahrung des Friedens und zum Innehalten in dieser schnellebigen Zeit voller Wirren.